Mittwoch, 18. September 2013

I want God to come and take me home

Moment I.

Die blauen Kohlfelder am Rand der Autobahn sind unerwartet. Für eine Weile bleibt mein Blick hängen, bis die Landschaft ihn wieder mit sich reißt. Um uns herum wirft sich Spätsommerregen an- und abschwellend, wütend gegen die Scheiben. In der Gischt unserer Vordermänner verliert die Straße ihre Form, verwischt, vermengt das Rot der Rückleuchten, das Schwarz und Silber, das graue Grün. Ich bin müde.

Where's this going to?
Can I follow through?
Or just follow you, for a while?

Montag, 1. Juli 2013

Papierkram #25



Gemeinschaftsküche, Kleiderschrank, schönes Wohnheim
Straßenbahn, grauer Hörsaal, netter Park
Dönerladen, Referat
Ich habe vergessen, warum ich hierher kam
(Soundtrack: Adolar - Magdeburg)

Mittwoch, 19. Juni 2013

Der Ballast, der ins Haus fällt

Sich fiktionalisieren.

Das Problem war, dass ich der Zukunft nicht vertraute. Für mich war sie dieses Monster, das mich zugleich von außen erdrückte und mir im Magen rumorte. Stattdessen setzte ich alles auf die Vergangenheit, machte selbst meine Fehler, die Rückschläge, die Schmerzen und Trennungen erklärbar, gab ihnen einen höheren Stellenwert, der sie zu Prototypen machte, nach denen sich folglich alles zu richten hatte. Sie waren perfekt und alles, was nach ihnen kam, war es nicht.
Also blieb ich stehen. Ich ging der Zukunft nicht mehr entgegen und wollte der Vergangenheit so nah wie möglich bleiben. Ich lebte deshalb aber nicht in der Gegenwart, ich vergaß einfach, überhaupt zu leben. Jeden Tag musste ich mich daran erinnern, dass die Welt, dass Menschen Erwartungen an mich hatten. So lange ich konnte, verschob ich Termine, ließ Fristen verstreichen und sagte oft noch im letzten Moment ab, indem ich Übelkeit oder eine andere, gleichsam unspezifische Entschuldigung vorschob. Über die Zeit verlor ich viele Kontakte, ich antwortete nicht auf Nachrichten, war telefonisch praktisch nicht mehr zu erreichen (meine sowieso schon vorhandene Angst vor Telefongesprächen hatte sich nur noch verstärkt) und nach und nach wurde es mir zur Qual, Beziehungen zu anderen Menschen regelmäßig aufzufrischen, bis sich irgendwann keine Anküpfungspunkte mehr fanden.
Ich wusste, dass man mir hinter meinem Rücken Faulheit vorwurf. Sogar ich selbst sah in meinem Verhalten einen mangelnden Willen mich anzustrengen, aber es war mehr als das. Ich verweigerte jeden Schritt, der über etwas entscheiden konnte, ich verweigerte mich der Zukunft so gut es ging. Mir war bewusst, dass ich ihr nicht entgehen konnte, und gerade darum betrachtete ich alles nur noch unter diesem einen Aspekt. Alles, was ich wahrnahm, war das Ende der Dinge. Ich sah nur noch, wie jeder Mensch, jede Tat, jeder Gegenstand von der Zukunft verschluckt wurde. Und es machte mir Angst. Die Zukunft war eine Schlange und ich saß zitternd vor ihr, darauf wartend, dass sie mich verschlang.
Man könnte sagen, ich war traurig. Man könnte aber wohl genau so gut sagen, ich war wütend. Oder froh, zumindest auf eine gewisse Art, manchmal. Ich war alles. Oder einfacher: Ich war nichts. Wenn ich lachte, dann geschah es stets mit Hintergedanken. Ich sage nicht, dass ich eine Fassade aufbaute. Mein Umfeld nahm durchaus wahr, dass es mir nicht gut ging. Öffnete ich mich jemandem, fielen mir die Worte ungeschickt aus dem Mund und was ich sagte, musste für andere wie eine Ruine aus Bauklötzen aussehen, voller Löcher und Unverständlichkeiten. Hin und wieder half es mir, zu schreiben, aber auch hier musste ich feststellen, dass mir die Worte ausgingen, als würde ich ganz langsam austrocknen.
Einige Jahre zuvor hatte ich die Idee für einen Roman gehabt. Es ging um eine junge Studentin, ich nannte sie Noelle, und wann immer ich an die Geschichte dachte, sah ich sie in einer hellen Küche am Frühstückstisch sitzen, die Farben durch das Winterlicht im Fenster ausgebleicht, ihr Beine ineinander verschlungen, die Füße seitlich über die Stuhlkante ragend. Sie aß nicht, obwohl der Tisch vor ihr mit Brot, einem Glas Marmelade, Butter und Käse gedeckt war. Stattdessen sah sie aus dem Fenster, sah die Fensterreihen des gegenüberliegenden Gebäudes, die schwarzen Reifenspuren im Schnee auf dem Parkplatz davor. Irgendwo im Hintergrund lagen Bahngleise, sie konnte sie in jedem Fall sehen.
Leider schrieb ich diesen Roman nie. Ich träumte von ihm, konnte die Geschichte Schritt für Schritt vor mir sehen. Ich hatte mir sogar einen Titel ausgedacht: "Fünf Tage im Winter". Ich hielt das für einen schönen, einen passenden Titel. Aber jeder Versuch, alles niederzuschreiben, scheiterte, bis die Realität, oder besser bis ich, Noelle eingeholt hatte. Sie war immer so etwas wie ein Bild der Zukunft gewesen, eine Befürchtung, die ich als Schüler in der Oberstufe gehabt hatte. Gleichzeitig war ihre Geschichte auch eine romantische Idee, die ich vom Studium, vom Leben fern der Heimat, allein und erwachsen, hatte, und ich erwartete natürlich eine Lösung des eigenen erwarteten Leidens, wie ich sie für Noelle auch ganz selbstverständlich vorgesehen hatte: die Arme eines Menschen, die sie empfangen und halten, sodass die Haut unter der Kleidung ganz warm wird, dort wo sie berührt wird. Sie könnte sich niemals selbst retten. [...]

Und der Geschmack im Mund als Beweis für meinen Schlaf
Nur das Stechen in meinen Augen als Beweis, dass es zu wenig war

Freitag, 17. Mai 2013

Nothing in my bones


Die Luft steht weiß in der Straße. Großmutter stirbt weit weg von hier, auch in Gedanken entfernt. Ich nehme die letzten Schritte, die Gehwegplatten knirschen, reiben aneinander. Im Treppenhaus ist es kühl. Ich öffne die Tür, ich wusste ja, sie sind da. Vater sitzt schwer am Küchentisch. Seine Gedanken so groß, dass es das Licht vor meinen Augen bleicht. Ihm drückt es die Schultern nach unten, ich kann es deutlich sehen. Er wartet auf mich, dass ich etwas sage, etwas tue, ich wusste nur nie die Worte, weiß sie auch jetzt nicht. Mutter sitzt ihm gegenüber, ich rieche seinen säuerlichen Schweiß, Teil meiner Kindheit, rieche die Wurst auf ihrem Brot. Ich ziehe meine Schuhe aus. Ich sage nichts.

Wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, dann kann ich nicht guten Gewissens sagen, es geht mir gut. Das ist niemandes Schuld. Ich werde oft still, wenn andere laut sind. An vielen Tagen sind mir andere Menschen unangenehm, weil ich mir selbst schon zu viel bin. Ich kann es ihnen nicht verübeln, wenn sie mich fragen, ob denn alles in Ordnung sei, implizit natürlich "zwischen uns", und ich sage dann auch ja, denn es ist ja in Ordnung zwischen uns, nur eben nicht mit mir. Was bleibt ist Enttäuschung (der anderen) und ein schlechtes Gewissen (meines).

Es ist mein Verhältnis zur Welt eines der Unmündigkeit. Es ist meine Sicht auf sie die des melancholischen Kinds. In mir wird immer deutlicher eine langsam ermüdende Wortlosigkeit.

There's no room where I can go and
You've got secrets, too

You want me to scream at your ex-girlfriend
But I wanna be much better than I am
You want me to scream at your ex-boyfriend
But I wanna be, and I don't think I can

Samstag, 30. März 2013

I'm not gonna crack

Wir leben in einer lauten Wohnung. Die Türen hängen zu locker im Rahmen, sie klingen ein wenig wie Wellblech und man kann nachts den Raum kaum verlassen, wenn man nicht möchte das jemand aufwacht und das möchte man ja nicht. Der Boden knarzt, die Waschmaschine lässt jedes Mal die Küchenschränke zittern und wenn man ganz still sitzt, wenn man den Atem anhält und sich die Bettdecke über den Kopf zieht, in diesen Momenten, in denen das eigene Zimmer immer noch zu groß ist, immer noch zu fremd, dann hört man die Nachbarn, dann hört man den schlimmen Husten von unten, das Kindertrippeln von oben und die schweren Schritte eines Vaters. Man wartet dann, schaut vielleicht aus dem Spalt zwischen Decke und Kissen auf die Schornsteine vor dem Fenster, der Unterkiefer eines Riesen mit Zähnen aus Kupfer, der sich langsam aus dem dem Blaugrau gräbt, bis es Morgen ist. Und irgendwann kommt der Morgen, ganz bestimmt.
Wir leben in einer lauten Wohnung. Die Türen sind oft geschlossen, es ist ja so laut, wenn man sie öffnet, man möchte niemanden stören und sowieso, die kleine Heizung im Zimmer hält die Kälte kaum draußen und überall sind unentdeckte Spalten, durch die sie doch hereinzieht. Wie sie dann über das billige Laminat kriecht und die Hände ganz kalt macht. Seltsam, wie der Tag so vorbeizieht, man wollte ja einkaufen gehen, man wollte eine Mail schreiben, man wollte putzen und schreiben, man muss ja noch schreiben.


I'm so happy 'cause today I found my friends.
They're in my head. 
I'm so ugly but that's ok
'Cause so are you.
Soundtrack: Nirvana - Lithium

Montag, 4. März 2013

I'll keep trying

Seien wir mal ehrlich: Hier wird in den nächsten Wochen nichts passieren. Ich habe mich auserzählt. Ich bin leer, könnte mich nur immer wiederholen. Das mag niemand mehr lesen, am allerwenigsten ich. Ich hab mich lange genug dazu gezwungen, es nochmal zu versuchen, wieder und wieder. Jetzt ist gut. Wenn wir Glück haben, kaue ich euch irgendwann nicht mehr den immergleichen Brei vor, vielleicht haltet ihr ja bis dahin durch. Bis dahin vielleicht ein bisschen Papierkram.

Donnerstag, 21. Februar 2013

Papierkram #24



Nur kommt dann dieser Punkt, diese Grenze, an der man steht mit tonnenschweren Fußsohlen, die am Boden kleben. Und alles was man tun kann, ist weiterzugehen. Stehenbleiben ist Tod. Niemand wartet. Es ist ja auch niemand da, der etwas verlangt. Nur man selbst und das ist der Fehler, vielleicht? 'Ich will' ist nicht 'Ich muss'. Manchmal vergisst man das.

[Anderswo gibt es eine mögliche Antwort auf die auffällige Stille hier.]