Freitag, 17. Mai 2013

Nothing in my bones


Die Luft steht weiß in der Straße. Großmutter stirbt weit weg von hier, auch in Gedanken entfernt. Ich nehme die letzten Schritte, die Gehwegplatten knirschen, reiben aneinander. Im Treppenhaus ist es kühl. Ich öffne die Tür, ich wusste ja, sie sind da. Vater sitzt schwer am Küchentisch. Seine Gedanken so groß, dass es das Licht vor meinen Augen bleicht. Ihm drückt es die Schultern nach unten, ich kann es deutlich sehen. Er wartet auf mich, dass ich etwas sage, etwas tue, ich wusste nur nie die Worte, weiß sie auch jetzt nicht. Mutter sitzt ihm gegenüber, ich rieche seinen säuerlichen Schweiß, Teil meiner Kindheit, rieche die Wurst auf ihrem Brot. Ich ziehe meine Schuhe aus. Ich sage nichts.

Wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, dann kann ich nicht guten Gewissens sagen, es geht mir gut. Das ist niemandes Schuld. Ich werde oft still, wenn andere laut sind. An vielen Tagen sind mir andere Menschen unangenehm, weil ich mir selbst schon zu viel bin. Ich kann es ihnen nicht verübeln, wenn sie mich fragen, ob denn alles in Ordnung sei, implizit natürlich "zwischen uns", und ich sage dann auch ja, denn es ist ja in Ordnung zwischen uns, nur eben nicht mit mir. Was bleibt ist Enttäuschung (der anderen) und ein schlechtes Gewissen (meines).

Es ist mein Verhältnis zur Welt eines der Unmündigkeit. Es ist meine Sicht auf sie die des melancholischen Kinds. In mir wird immer deutlicher eine langsam ermüdende Wortlosigkeit.

There's no room where I can go and
You've got secrets, too

You want me to scream at your ex-girlfriend
But I wanna be much better than I am
You want me to scream at your ex-boyfriend
But I wanna be, and I don't think I can

Samstag, 30. März 2013

I'm not gonna crack

Wir leben in einer lauten Wohnung. Die Türen hängen zu locker im Rahmen, sie klingen ein wenig wie Wellblech und man kann nachts den Raum kaum verlassen, wenn man nicht möchte das jemand aufwacht und das möchte man ja nicht. Der Boden knarzt, die Waschmaschine lässt jedes Mal die Küchenschränke zittern und wenn man ganz still sitzt, wenn man den Atem anhält und sich die Bettdecke über den Kopf zieht, in diesen Momenten, in denen das eigene Zimmer immer noch zu groß ist, immer noch zu fremd, dann hört man die Nachbarn, dann hört man den schlimmen Husten von unten, das Kindertrippeln von oben und die schweren Schritte eines Vaters. Man wartet dann, schaut vielleicht aus dem Spalt zwischen Decke und Kissen auf die Schornsteine vor dem Fenster, der Unterkiefer eines Riesen mit Zähnen aus Kupfer, der sich langsam aus dem dem Blaugrau gräbt, bis es Morgen ist. Und irgendwann kommt der Morgen, ganz bestimmt.
Wir leben in einer lauten Wohnung. Die Türen sind oft geschlossen, es ist ja so laut, wenn man sie öffnet, man möchte niemanden stören und sowieso, die kleine Heizung im Zimmer hält die Kälte kaum draußen und überall sind unentdeckte Spalten, durch die sie doch hereinzieht. Wie sie dann über das billige Laminat kriecht und die Hände ganz kalt macht. Seltsam, wie der Tag so vorbeizieht, man wollte ja einkaufen gehen, man wollte eine Mail schreiben, man wollte putzen und schreiben, man muss ja noch schreiben.


I'm so happy 'cause today I found my friends.
They're in my head. 
I'm so ugly but that's ok
'Cause so are you.
Soundtrack: Nirvana - Lithium

Montag, 4. März 2013

I'll keep trying

Seien wir mal ehrlich: Hier wird in den nächsten Wochen nichts passieren. Ich habe mich auserzählt. Ich bin leer, könnte mich nur immer wiederholen. Das mag niemand mehr lesen, am allerwenigsten ich. Ich hab mich lange genug dazu gezwungen, es nochmal zu versuchen, wieder und wieder. Jetzt ist gut. Wenn wir Glück haben, kaue ich euch irgendwann nicht mehr den immergleichen Brei vor, vielleicht haltet ihr ja bis dahin durch. Bis dahin vielleicht ein bisschen Papierkram.

Donnerstag, 21. Februar 2013

Papierkram #24



Nur kommt dann dieser Punkt, diese Grenze, an der man steht mit tonnenschweren Fußsohlen, die am Boden kleben. Und alles was man tun kann, ist weiterzugehen. Stehenbleiben ist Tod. Niemand wartet. Es ist ja auch niemand da, der etwas verlangt. Nur man selbst und das ist der Fehler, vielleicht? 'Ich will' ist nicht 'Ich muss'. Manchmal vergisst man das.

[Anderswo gibt es eine mögliche Antwort auf die auffällige Stille hier.]

Donnerstag, 31. Januar 2013

Like an abandoned car

Und wie die Sonne untergeht: ohne Achtung für die Regenwolken und ihren Abdruck im Asphalt des Tages. Sie akzeptiert sie vielleicht in ihrem Spiel, aber nur verweht, gewandelt und in neuen Farben, die jetzt tanzen, bis der Mond kommt und sie sich langsam wieder beruhigen, wie ein Vater, der als letzte Aufgabe des Tages seinen Kindern einen endlichen Kuss auf die Stirn gibt und die Decke ganz knapp bis unter das Kinn zieht und zupft, sodass es ganz sicher zu warm wird, später, in der Nacht.
Ich stehe hinter der Glasfront, unter mir, vereinzelt, schwarz auf schwarz, huschende Menschen, die sich mit dem Schatten des Turms und den nassen Steinen vermengen. Man könnte das fotografieren, diesen Himmel, der Kitsch auf angenehme Art wenigstens ehrlich, sich selbst nicht größer machend als er ist. Wie immer denke ich, bin mir bewusst, dass es zu nichts führen wird und das ich nicht Sonne bin, nicht einmal Mond, dass diese Regenwolken immer über mir sein werden, immer kommen, immer gehen, wie es ihnen gefällt. Ich denke, na gut, ja, na gut, ist okay. Dieser Pullover ist warm, dieser Tee ist warm, die Sonne ist warm, ist doch gut.

I’ll sit in silence for the rest of my life if you’d like

Donnerstag, 17. Januar 2013

Twin high maintenance machines

Marc | 20:29
weißt du, ich freue mich für dich, wirklich. es ist so schön, davon zu lesen, wie gut es dir jetzt geht und dass du etwas gefunden hast, dass dein leben gut sein lässt, und dass du dich gefunden hast. dass du eine wahrheit gefunden hast, die hinter dir steht, auf die du dich verlassen kannst, das ist großartig.

es ist nicht so, dass mein leben scheiße ist, es gibt viele gute dinge, leute, alles, die wichtig sind, die wahr und da sind. und das ist alles in meinen gedanken, ich weiß, dass es gut ist, dass es mir nicht schlecht geht, ich weiß das.
aber immer ist da etwas größeres, manchmal schrumpft es ein wenig, manchmal zieht es sich ein wenig zurück, aber ich krieg es nicht raus - es ist kein "mein leben ist scheiße", ich bin gar nicht traurig oder wütend, oder wenn, dann alles zusammen, traurig und wütend und froh und gelangweilt und voller tatendrang und kraftlos, sodass am ende nichts übrig bleibt. sodass ich letztes wochenende zu sieben achteln im bett verbracht habe, sodass ich einfach nicht geantwortet habe, als c. und f. gefragt haben, ob wir nicht etwas unternehmen wollen, sodass ich freitagabend statt auf der geburtstagsparty einer freundin 'lieber' zuhause war, weil der gedanke an menschen schon anstrengend war, wie es jeden tag anstrengend ist, menschen zu sehen, mit menschen zu sprechen, nicht einfach liegen zu bleiben, den ganzen tag, was ja aber auch so anstrengend ist, weil man sich vorwürfe macht, weil man denkt, warum liegst du denn hier, es ist doch alles gut, warum schreibst du nicht mehr, warum zeichnest du nicht mehr, warum sagst du nichts. und das anstrengendste sind diese wahrheiten, die ich lese, die ich höre, die ich sehe, dass man ja nur tun muss, nur sagen muss, nur aufstehen muss, und es stimmt nicht, es ist nicht einfach, nicht einmal das, was ich hier schreibe, ist einfach oder wahr oder irgendsoetwas, es fühlt sich alles so schwach und unwahr an, und so selbstbemitleidend, was ich wahrscheinlich bin, aber auch definitv nicht bin, so wie ich wütend und traurig bin und nicht bin.

Marc | 20:32
ich weiß, dass dieses buch [joseph murphy - das erfolgsbuch] recht hat, so wie murakami recht hat und kafka und plath und palahniuk und john green, aber man muss es glauben können, man muss diese person sein, die glauben kann, und ich finde das lesen schon so anstrengend, weil ich nur vorwürfe sehe, die ich mir längst schon tausend mal selbst gemacht habe, weil sie ja recht haben, weil ich recht habe und mir selbst nicht glaube. ich traue mir nicht.

Marc | 20:34
und ich lächle auch, ich kann mich freuen, ich kann lachen, das geht, ich kann ehrlich sein und froh über alles, was ich habe, über die menschen in meinem leben. und deswegen gebe ich ja nicht auf, ich habe ja hoffnung...

Marc | 20:37
nur jetzt gerade sind es die menschen, die alles so schwer machen und sie gehen nicht einfach weg, und ich bin der mensch, der es mir am schwierigsten macht, ich weiß das. ich bin sicher nicht, wer ich sein will, aber ich bin auch der, der ich sein will, das sind zwei menschen und sie sind beide echt.

I am gonna make it through this year
If it kills me

Donnerstag, 27. Dezember 2012

It feels like we're so young

Wiederholung [Substantiv, f., Plural: Wiederholungen] 1. nochmalige Durchführung einer Tat, einer Vorgehensweise, einer Übung 2. Radio, Fernsehen: erneute Ausstrahlung einer Sendung 3. Linguistik: sprachliches Stilmittel.

es fehlt die idee. oder besser: es fehlt der mensch. es fehlt der funke, wie sie sagen. nur monolog. jeder mensch hat seine fehler, ich zum beispiel habe immer noch hoffnung. letztendlich auch ein hoffnungsloses unterfangen. ich möchte das [lächelnd], das [spricht stockend], das [spielt mit dem saum ihres hemds], möchte den atem, die angst, die liebe, die idee. möchte das menschsein zurückhaben. und warte und sehe nicht, dass warten bedeutet, immer nur dieselben bäume zu betrachten, denselben himmel. und weil er hier im norden immer grau bleibt, glaube ich nicht mehr an blau, glaube nicht mehr an die sonne, von der andere sprechen. deshalb bin ich sylvia plath, ich bin franz kafka und schreibe briefe an mich selbst, bleibe ein stummer plattenspieler in endlosschleife, der nicht merkt, dass er nur selbst die platte wechseln muss. alle gehen vorbei, kleiner laden an der ecke, und das schaufenster dunkel. das hier ist kein tagebuch, das hier ist ein aufmerksamkeitsdefizit, das ich mir einrede, das hier ist komplimentefischen in leeren gewässern. das hier ist keine anonyme stadt, es ist kaffee und kuchen, die andere immer für mich warm halten, aber ich sitze viel lieber unter dem tisch und klammere mich an den krausen stoff. ich inszeniere mich. oder? noch ein haar. noch ein haar. ein haar. beißen. kauen. schlucken. ein haar. beißen. schlucken.

es ist die idee des greifens,
von wolken und blitzen
die in ewigen kreisen
aus augen -
nein, du gehst die straße entlang
am kiosk vorbei
- open -
die silberfolie lässt du fallen,
erdbeerkaugummi, wie früher -
ja. ja! du gehst,
gedanken, geschichten,
und ob du sie dir merkst,
ob du schreibst oder nicht,
niemand hört
den donner - nacht.
- closed -

Promises where I swear that I am fine are getting harder to keep
They're getting harder to believe
I should be old enough by now
To stop pulling at my hair and tearing at my skin
'Cause we're so young